Das Modell des Cheyenne Council basiert auf indigenen Traditionen alter nordamerikanischer Kulturen und bietet verschiedene Herangehensweisen zu basisdemokratischen Entscheidungen durch die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven in einem ritualisierten Setting. Nach einer Kurzpräsentation dieses Modells der Entscheidungsfindung werden Anwendungsmöglichkeiten des Cheyenne Council in der Mediation vorgestellt und diskutiert.
Mag. Erich Sammer
Eingetragener Mediator, Pädagoge, Mentalcoach, Lehrbeauftragter und Speaker
Moderation: Mag. Susanne Lederer
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Wie haben indigene Kulturen Nordamerikas Probleme und Konflikte gelöst – und was kann die Mediation davon lernen? Dieser Frage widmete sich der 10. Expert Talk des Mediationsinstituts. Mediator, Pädagoge und Mentaltrainer Erich Sammer stellte im Gespräch mit Susanne Lederer das Cheyenne Council vor: ein ritualisiertes Ratsmodell, das er auch aus persönlichem Kontakt mit Vertreter:innen dieser Tradition kennt und für die eigene Arbeit adaptiert hat.
Das Cheyenne Council geht auf den traditionellen Rat der Cheyenne zurück und ist in das Weltbild des Medizinrads eingebettet. Heute wird es unter anderem vom Ehama Institute weitergegeben und wurde mit Unternehmen, Organisationen und sogar im militärischen Kontext eingesetzt. Was Sammer daran von Anfang an faszinierte: Es gibt kein Pro und Contra, es geht nicht ums Rechthaben – nicht einmal darum, um jeden Preis eine Lösung zu finden. Ziel ist, dass am Ende neue Perspektiven und ein Gewinn an Weisheit stehen.
Im Ratskreis sitzen acht Häuptlingsgruppen, jede mit einer eigenen Blickrichtung auf das gemeinsame Thema:
In der Mitte leitet der Zero Chief das Ritual. Er hat kein Stimmrecht, sorgt aber für Respekt vor den Teilnehmenden, den geäußerten Standpunkten und dem Ritual selbst.
Gesprochen wird nur mit dem Redestab. Bis der Zero Chief das Council beendet, sind Widerspruch und Nachfragen nicht erlaubt – wer sich nicht daran hält, verliert bei der abschließenden Abstimmung sein Stimmrecht. Das klingt hart, hat aber eine verblüffende Wirkung: Wenn etwa beim Bau einer Militärkaserne das Reinigungspersonal bei der Planung eines Gebäudes erklärt, warum eine bestimmte Maschine nicht in den Lift passt, muss auch ein General widerspruchslos zuhören. Sammer zog die Parallele zur Mediation: Auch dort gibt es einen klaren Ablauf, dem die Beteiligten zustimmen, Regeln, denen sich die Beteiligten unterwerfen.
Während klassische Mediation einen Interessenausgleich zwischen Parteien sucht, zielt das Ratsmodell auf die „Heilung“ des gesamten Systems – inklusive der nur mittelbar Betroffenen. Statt Hin und Her gibt es ein Nacheinander im Kreis, die Sprache bleibt oft bildhaft. Vieles ist dennoch vertraut: Allparteilichkeit, Prozessoffenheit, Ist-Erhebung, Optionensammlung und Lösungscheck finden sich in den Häuptlingsgruppen wieder. Sammer übersetzte die Positionen in konkrete mediative Fragen – von der Wunderfrage der Heyoka über die Frage nach verborgenen Kränkungen bei den Medicine Singers bis zum Realitätscheck der Law Dogs. Mediator:innen, so sein Wunsch, sollten beide Führungsrollen indigener Kulturen verkörpern können: die rational-strukturierende der Chiefs und die emotional-verbindende der Medicine Singers.
Eingesetzt hat Sammer das Council vor allem in Großgruppen und in der Konfliktprävention: mit einer Schulklasse, die sich spontan als „Stamm“ verstand und 40 Minuten lang nur mit Redestab sprach, mit einer großen Gruppe von Pädagog:innen oder mit Studierenden, die gemeinsam ihr Curriculum überdachten, mit innovativen Start-up-Unternehmer:innen vor ihrer Unternehmensgründung. Die Gruppen bereiten sich anhand vorbereiteter Fragen vor, die Heyoka-Gruppe wird bewusst mit energiegeladenen Köpfen besetzt. In Unternehmen lässt sich das Modell auch ohne indigene Begriffe als „systemische 360°-Analyse“ einsetzen. Für hoch eskalierte Konflikte oder die klassische Familienmediation sieht Sammer das vollständige Ritual dagegen nicht. Einzelne Aspekte lassen sich aber gut übernehmen, und Sammer nutzt den Kreis auch selbst zur Fallvorbereitung: Wie würde ein Stamm diesen Fall angehen? Das Mindeste, was dabei herauskommt, sind intelligente Fragen.
Auch die Frage nach kultureller Aneignung kam zur Sprache. Für Sammer entscheidet die Wertschätzung: Er nennt seine Quellen offen und verweist darauf, dass auch die Mediation selbst aus vielen kulturellen Traditionen gespeist ist.
„Es geht nicht darum, recht zu haben – sondern darum, mit mehr Weisheit aus dem Kreis zu gehen.“